Erfa-Veranstaltung 2017: Freitag, 9. Juni in Zürich

Auftaktveranstaltung Juni 2017
 

Erfahrungsaustauch Juni 2017:

Auch Nachbarschaft ist «ambulant»

Versorgungsstrukturen für ältere Menschen zielen auf den medizinisch-pflegerischen Bereich, doch was die meisten brauchen, ist Unterstützung im Alltag. Die zehn am Programm Socius beteiligten Gemeinden und Regionen von Freiburg bis Frauenfeld haben das Thema auf ihren alterspolitischen Radar genommen. Beim dritten Jahrestreffen vom 9. Juni 2017 in Zürich feilten sie an den Werkzeugen: Netzwerke, Anlaufstellen, Zivilgesellschaft und Sozialraum. 

Die Zeiten ändern sich. «Früher blieb man als alter Mensch zuhause, bis es nicht mehr ging, dann zog man ins Heim», sagte Antonia Jann, Geschäftsführerin der Age-Stiftung, die das Programm Socius trägt. Heute aber stehen Individualität und Selbstbestimmung hoch im Kurs. Lediglich sieben Prozent der über 60-Jährigen in der Schweiz wohnen gemäss Age-Report 2014 in einer Institution, die grosse Mehrheit der Älteren lebt zuhause. Zudem bleiben sie länger fit, wie Untersuchungen zeigen: Bei den über 85-Jährigen, die daheim leben, sind fast 70 Prozent nicht auf Pflege angewiesen. Hingegen benötigen drei Viertel von ihnen Alltagshilfe: Unterstützung beim Haushalten, im Garten, beim Heben von Lasten oder Bezahlen von Rechnungen, Begleitung bei Krankheit, Transportdienste und einiges mehr.

Dass die Menschen in den eigenen vier Wänden bleiben möchten, auch wenn die altersbedingten Einschränkungen zunehmen, passt der Politik ins Konzept. «Ambulant vor stationär» lautet die Losung, nicht zuletzt aus Kostengründen. Bisher konzentriert sich die ordnende Hand des Staates auf das Gesundheitswesen. Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) regelt den medizinisch-pflegerischen Bereich – doch damit ist eben nur ein Teil abgedeckt. Faktoren wie organisierte Alltagshilfe und ein altersgerechtes Wohnumfeld bleiben meist unter dem Radar der Politik, obwohl sie viel zur Zielerreichung beitragen könnten: «‹Ambulant› bedeutet mehr als Pflege nach KVG», unterstrich Jann in ihrem richtungsweisenden Referat.
 

Tragfähiges System schaffen

Durch geschickte Kombination von Hilfestellungen aller Art können ältere Menschen in ihrer Wohnautonomie gestärkt werden. Gut organisierte pflegende Angehörige haben Unterstützungsnetzwerke von bis zu 30 Personen, wie die Forschung aufzeigt. Noch die kleinsten Hilfen können in dem Puzzle nützlich sein. Doch ein tragfähiges Gesamtsystem braucht Koordination, und daran fehlt es. Neben traditionellen professionellen und gemeinnützig-karitativen Diensten drängen immer mehr Anbieter auf den lukrativen Markt der Sozialbetreuung. Die älteren Leute und ihre Angehörigen finden sich im Dickicht der Angebote kaum zurecht oder haben Fragen zur Finanzierung. Ziel des Programms Socius ist es laut Jann, «aus einem Durcheinander eine geordnete Situation zu machen».

Eine zentrale Rolle spricht die Geschäftsführerin der Age-Stiftung den Gemeinden zu: «Sie sind gefordert, ihre Rolle im Thema Alter neu zu definieren.» An ihnen sei es, Transparenz über die Angebote herzustellen, diese zu orchestrieren, Akteure miteinander in Kontakt zu bringen, Anreize zu setzen, damit keine Lücken in der Angebotskette entstehen – kurz: zu schauen, «dass die Angebote wie Zahnräder ineinandergreifen», via Leistungsverträge oder Plattformen. Dazu kommt ein Element, das man in Zeiten von Vereinzelung und Selbstoptimierung vielleicht verloren gegangen meinte: eine Sorgekultur, die es zu fördern und wertzuschätzen gilt. Die Aufgaben in der alternden Gesellschaft, so die Überzeugung im Programm Socius, lassen sich nur im Verbund lösen, in einem intermediären Bereich zwischen Staat und Familie. Auch damit sie finanzierbar bleibt, erfordert die demografische Entwicklung die Kräfte der Zivilgesellschaft: Angehörige, Nachbarn, Freunde, das Quartier.
 

Aufbauarbeit in zehn Regionen

In den zehn Projekten aus acht Kantonen, die am Socius-Programm teilnehmen, ist seit dem Start 2014 einiges gegangen. Das zeigten die Präsentationen an der von Programmleiterin Christiana Brenk moderierten Tagung eindrücklich auf. Da arbeiten Gemeinden zusammen, da werden niederschwellige Anlaufstellen für Ältere aufgebaut. Da bilden Akteure von der Spitex über Kirchgemeinden und Spitäler bis zur Quartierarbeit Netzwerke, da werden Ressourcen des Umfelds – etwa durch Nachbarschaftshilfe – nutzbar gemacht. Da können pflegende Angehörige ihre Bedürfnisse äussern, da bringt die ältere Bevölkerung sich ein und gestaltet ihre Wohnumgebung aktiv mit. Die Projekte setzen zwar unterschiedliche Akzente, doch bei allen geht es um die gleichen vier Herangehensweisen, mit denen die Menschen beim Älterwerden besser unterstützt werden können: Zusammenarbeit verschiedenster Akteure, Aufbau von Drehscheiben, Einbindung der Zivilgesellschaft und Orientierung am Sozialraum. Einige Stichworte dazu aus der Diskussion:
 

■ Anbieter im Altersbereich – die teils ja in Konkurrenz zueinander stehen – lassen sich am ehesten für Netzwerke gewinnen, wenn sie einen Nutzen daraus ziehen können: Erfahrungsgewinn, Zeitersparnis, Zugang zu Wissen, Imagezuwachs. Hilfreich ist es, ein Ziel zu definieren und die Zusammenarbeit zu konkretisieren. Fallbesprechungen machen Schnittstellen deutlich. Offen bleibt die Frage, wer alles ins Netzwerk gehört: auch profitorientierte Betreuungsanbieter mit prekären Arbeitsbedingungen, Care-Migrantinnen in Privathaushalten? Und was, wenn Doppelspurigkeiten in den Angeboten bestehen und eine Strukturbereinigung ansteht, bis hin zu Gemeindefusionen? «Das sind heikle Themen», sagte Altersforscher François Höpflinger, Mitglied der Socius-Begleitgruppe.

■ Die Aufgaben einer Anlaufstelle für ältere Menschen können von Informationsabgabe über Beratung bis hin zur Triage von Problemsituationen reichen. Wichtig ist, dass der Auftrag klar definiert und mit den Anbietern abgeglichen ist. Die Anlaufstellen können auf zwei Wegen errichtet werden: das politisch zuständige Gremium gibt eine Strategie vor und setzt Qualitätskriterien durch («top down»). Oder das steuernde Organ holt zunächst alle Anbieter ins Boot, danach wird die Anlaufstelle gemeinsam definiert («bottom-up»).

■ Der Einbezug der Zivilgesellschaft darf nicht paternalistisch erfolgen, vielmehr sollten sich professionelle Akteure und Freiwilligen-Initiativen partnerschaftlich begegnen. Denn auch Ehrenamtliche haben Kompetenzen, gerade thematisch motivierte Kreise. Das zeigt das Beispiel der Hospizbewegung, die aus der Zivilgesellschaft heraus entstand, um Sterbende palliativ zu begleiten. Sie war nicht gewinnorientiert und hatte eine hohe Fachlichkeit. Wichtig ist, Erwartungen und Rollen aller Beteiligten gleich zu Beginn zu klären.

Sozialraumorientierung ist ausserhalb der Sozialarbeit noch wenig bekannt und sollte den Kooperationspartnern im Netzwerk vermittelt werden. Ziel ist es, die Lebensbedingungen der älteren Menschen zum Beispiel in einem Quartier zu verbessern. Dabei werden sie ermutigt, die Veränderungen in ihrem Wohngebiet selbst anzugehen. Kontakte der Gemeinwesenarbeitenden zu den Älteren ergeben sich über Themen und an Anlässen. Auch gemeinsam genutzte Infrastruktur wie Plätze oder Gärten fördert den Beziehungsaufbau.

Die Erkenntnisse werden von der Firma socialdesign AG erhoben und systematisiert. Eine Begleitgruppe aus namhaften Expertinnen und Experten der Altersarbeit erarbeitet einen Werkzeugkoffer. Beides soll breiten Kreisen zugänglich gemacht werden – laufend auf der Webseite des Programm Socius und an einer für 2019 geplanten Schlussveranstaltung. «Die Alterung der Gesellschaft ruft nach neuen Lösungen», stellte Antonia Jann von der Age-Stiftung fest, und zu den Projektverantwortlichen sagte sie: «Sie zeigen Pioniergeist!»