Bern: Zuhause in der Nachbarschaft

Aufgehoben in der Nachbarschaft

Die 91-jährige Blanche Beynon lebt trotz altersbedingter Einschränkungen selbständig in ihrer Wohnung – auch dank Unterstützung von Freiwilligen aus dem Quartier. In einem Pilotprojekt der Stadt Bern wird solche Nachbarschaft bewusst gefördert.

«Bonjour, bonjour»: Mit einem freundlichen Lächeln begrüsst Blanche Beynon an diesem sonnigen Morgen Françoise Kropf an der Haustüre. Sie freut sich über das Eintreffen der Nachbarin, die im gleichen Stadtteil wohnt. Mit ihr kann sie nicht nur in ihrer Muttersprache Französisch sprechen, sondern auch jeden Dienstagvormittag einen Spaziergang unternehmen. Am liebsten würde sie täglich draussen eine Runde drehen: «Es ist mir wichtig, aus dem Haus zu kommen und mich zu bewegen», sagt die hochbetagte Bernerin. Doch alleine schafft sie das wegen ihrer starken Sehbehinderung nicht mehr. Nun gehts gemeinsam los, vorsichtig die vielen Treppenstufen hinunter, denn im Haus, in dem Blanche Beynon im Berner Weissenbühl-Quartier wohnt, fehlt ein Lift. Die gebrechliche Dame macht das Beste draus: «Das Treppenhaus ist mein Fitnesszentrum», scherzt sie.
Den Gehstock sicher im Rollator verstaut, halten die beiden Frauen, am Quartierbahnhof vorbei, auf ein nahes Wäldchen zu. Blanche Beynon schlägt an ihrer Gehhilfe ein flottes Tempo an. Sie geniesst den Ausflug: «Die frische Luft, das viele Grün – magnifique!» Schon seit 68 Jahren lebt sie im Quartier, hat die Wohnung in all den Jahren nie gewechselt. Sie ist verwitwet, Tochter, Enkelin und Urgrosskinder leben in der Südschweiz. Auch die 76-jährige Françoise Kropf ist mehrfache Grossmutter. Sie engagiert sich schon länger freiwillig, so im Asylzentrum im Stadtteil. Als sie das Flugblatt zum Aufbau einer Nachbarschaftshilfe im Briefkasten vorfand, dachte sie: «Das könnte ich doch einmal ausprobieren.» Die Vermittlungsstelle der Stadt brachte sie mit Blanche Beynon zusammen. Beim ersten Kennenlernen war Simone Stirnimann dabei, die Projektleiterin von «Nachbarschaft Bern».

Sag mir, wo die Blumen sind

Man war sich sofort sympathisch, und seit einigen Monaten treffen sich die beiden Frauen nun wöchentlich zum Spaziergang – wenn ihnen nicht gerade das Wetter oder die Tagesform der Älteren einen Strich durch die Rechnung macht. An guten Tagen wird der Radius erweitert. Einmal besuchten sie den traditionellen Markt vor dem Bundeshaus, ein andermal den Rosengarten, eine Parkanlage mit Sicht auf die schöne Altstadt. Blanche Beynon hat wertvolle Erinnerungen an diesen Ort: «Als junge Frau war ich oft mit meinem späteren Ehemann im Rosengarten. Wir waren verliebt und beobachteten die Glühwürmchen.» Die Frauen unterhalten sich angeregt, plaudern über vergangene Zeiten. Blanche Beynon hat viel zu erzählen, in einem so langen Leben kommt einiges zusammen.
Dafür wird sie von ihrer Begleiterin auf Dinge am Wegrand aufmerksam gemacht: «Ich zeige ihr, wo Blumen blühen», sagt Françoise Kropf, «dann bleiben wir so lange davor stehen, bis auch sie sie sieht.» Die Nachbarin ist eine von momentan drei Freiwilligen, die Blanche Beynon im Alltag unterstützen. Eine ehrenamtliche Helferin ist von Pro Senectute, zwei vom Nachbarschaftsprojekt der Stadt – neben Françoise Kropf auch noch eine junge Quartierbewohnerin, die nur fünf Minuten entfernt wohnt. Sie trifft sich ebenfalls einmal pro Woche mit Blanche Beynon. Sie begleitet sie zum Arzt, hilft ihr mit dem Handy, liest ihr aus der Zeitung vor oder isst mit ihr zu Abend. Jeden Morgen klopft zudem eine Nachbarin vom Haus an die Tür, und die Tochter ruft täglich an. Zweimal wöchentlich kommt die Spitex vorbei. Das alles bringe ihr neben Unterstützung auch Leben ins Haus, sagt Beynon: «Ich liebe es, Menschen um mich zu haben.»

«Es ist ein Geben und Nehmen»

So hat sich die charmante Seniorin ein Netzwerk aus Profis und Ehrenamtlichen in ihrem Wohnumfeld geflochten, das ihr erlaubt, trotz ihres hohen Alters in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Und trotz Einschränkungen weiterhin ein Stück weit am Leben im Quartier teilzuhaben, in dem sie alteingesessen ist. «Mit der Spitex alleine ginge das wohl nicht», vermutet sie. In letzter Zeit habe sie «schwer abgegeben», das Alter fordere seinen Tribut. Doch Blanche Beynon mag nicht klagen, sie findet es «schön, so alt geworden zu sein». Das beeindruckt wiederum ihre Spazierbegleitung Françoise Kropf. Die Gespräche seien interessant, sagt diese, beide hätten etwas von den regelmässigen Treffen: «Es ist ein Geben und Nehmen.» Als Motivation nennt die freiwillig engagierte Frau Mitmenschlichkeit: «Ich mache anderen Menschen gerne eine Freude.» Zudem habe sie als Rentnerin Zeit.
Genau das will «Nachbarschaft Bern»: Menschen, die Unterstützung brauchen, mit Menschen, die solche unentgeltlich leisten können, im Quartier zusammenbringen. Das Projekt startete offiziell im September 2016 und wird von der Sozialdirektion vorerst im Stadtteil Mattenhof-Weissenbühl als Pilot geführt, in Zusammenarbeit mit Projektpartnern wie der Spitex und drei Kirchgemeinden. In dem Stadtteil im Südwesten Berns leben über 30'000 Personen. Er ist zerschnitten von Hauptverkehrsachsen, grenzt aber auch an Naherholungsgebiete. Die Sozialstruktur ist gemischt. Es gibt ruhige Gegenden, wo Gutverdiener in schönen alten Häusern wohnen, die markante Siedlung der Eisenbahner-Baugenossenschaft sowie Quartiere mit tieferem Durchschnittseinkommen und überdurchschnittlichem Ausländeranteil. In letzter Zeit hat sich der Stadtteil verjüngt, Familien ziehen zu, doch auch viele über 80-Jährige leben hier.

45 Tandems im Einsatz

In den ersten Monaten des Projekts haben sich 45 Tandems wie Blanche Beynon und Françoise Kropf gebildet. «Ziel ist, den Austausch im Quartier zu fördern, bestehende Unterstützungsangebote zu ergänzen und Angehörige zu entlasten», sagt Projektleiterin Simone Stirnimann. Von jenen, die Unterstützung in Anspruch nehmen, sind mehr als die Hälfte ältere Semester zwischen 61 und 95. Einkaufen, Gesellschaft leisten, zu Terminen begleiten, spazieren gehen – das sind die am häufigsten gefragten Dienstleistungen. Auch elf Familien greifen auf das Nachbarschaftsangebot zurück und holen sich so Unterstützung beim Kinderhüten. Unter den Freiwilligen finden sich mehr Frauen als Männer, die Altersspanne reicht von 20 bis 80. Es sind Personen in unterschiedlichen Lebenssituationen: Pensionierte, Erwerbslose, Voll- oder Teilzeitarbeitende, Mütter. Sie möchten Nachbarn kennenlernen oder suchen gezielt Kontakte zu Älteren, weil die eigenen Grosseltern nicht mehr da sind. Auch Migranten melden sich, um zu helfen und gleichzeitig Deutsch zu lernen.
Die Einsätze sind auf drei Stunden wöchentlich begrenzt, die Fusswegdistanz zwischen den Wohnsitzen sollte nicht mehr als 15 Minuten betragen. Die Projektleiterin nimmt bei jedem Tandem am ersten Treffen teil. Das ermögliche ihr, die Spielregeln des Projekts zu erklären und allenfalls weiteren Unterstützungsbedarf bei der älteren Person zu erkennen, sagt Stirnimann. Es kam auch schon vor, dass sie Freiwillige abwies. Jemand war psychisch zu instabil, eine andere Person mehr an Religion als an Nachbarschaft interessiert. Die Freiwilligen liefern monatlich eine Zeiterfassung ab, was laut der Projektleiterin eine gewisse Verbindlichkeit und Übersicht gewährleistet: «Höre ich länger nichts, frage ich nach.»

Solange es geht

Zweimal jährlich werden die Freiwilligen zu einem Anlass mit Apéro eingeladen. Die Treffen dienen dem Austausch und der Schulung, sollen aber auch Wertschätzung ausdrücken. Die Freiwilligen haben ausserdem Anrecht auf das Dossier «freiwillig engagiert» der Organisation Benevol. Mit «Nachbarschaft Bern» entstünden Beziehungen, freut sich die Projektleiterin. Sie erzählt von zwei älteren Frauen, die ins Pflegeheim ziehen mussten und trotzdem weiterhin von den Freiwilligen besucht werden, die sie zuvor unterstützt hatten.
Es ist bald Mittag. Der Spaziergang von Blanche Beynon und Françoise Kropf neigt sich dem Ende zu. Wie üblich verbinden sie ihn noch mit einem Einkauf im Quartier. Auf all ihren Wegen gibt Blanche Beynon sehr Acht, nicht hinzufallen. Nach einem folgenreichen Sturz wäre es wohl mit dem selbständigen Wohnen vorbei, befürchtet sie. «Ich würde mich zwar nicht gegen einen Heimeintritt wehren», versichert sie, «aber solange es geht, schätze ich es ausserordentlich, in der eigenen Wohnung in meinem Quartier leben zu können.»






Einmal pro Woche begleitet die Freiwillige Françoise Kropf ihre über 90-jährige Nachbarin Blanche Beynon (im roten Shirt) auf einem Spaziergang.

 

Im Quartier präsent: Simone Stirnimann, Projektleiterin von «Nachbarschaft Bern».

 

«Die Stadt gibt nur den Anstoss»

Mit der organisierten Nachbarschaftshilfe verfolgt die Stadt Bern auch alterspolitische Ziele. Der Staat sei lediglich Anstossgeber, sagt Nicole Stutzmann, Leiterin Kompetenzzentrum Alter in der Stadtverwaltung. Schon jetzt ziehe das Konzept in der Zivilgesellschaft Kreise.

Nicole Stutzmann, sind Sie zufrieden mit der bisherigen Resonanz auf «Nachbarschaft Bern»?
Ja, sehr. Viel mehr als die jetzige Anzahl Tandems könnten wir im Pilotprojekt gar nicht bewältigen. Wir begleiten die Freiwilligen eng, das erfordert Ressourcen. Freiwillige zu finden, ist überhaupt kein Problem. Schon eher eine Herausforderung ist es, an die älteren Menschen heranzukommen, die Unterstützung benötigen.

Brauchen oder wollen die Älteren denn gar keine Unterstützung?
Doch, aber viele haben Mühe, das auszusprechen. Oder sie haben ein schlechtes Gewissen, weil sie den Freiwilligen nichts zahlen müssen. Umso wichtiger ist die Kommunikation. Wir reden bewusst nicht von «Nachbarschaftshilfe», sondern von «Nachbarschaft Bern». Es ist keine Einbahnstrasse, beide Seiten profitieren. Die eine braucht Unterstützung, die andere kann etwas Sinnvolles tun. Wir wollen aufzeigen, dass es ganz normal ist, im höheren Alter auf Hilfe angewiesen zu sein. Es gibt Lebensabschnitte, in denen man unterstützt, und solche, in denen man unterstützt wird. Übers ganze Leben gesehen ist eine Balance da.

Wie erreichen Sie die unterstützungsbedürftigen Betagten?
Wir machen die Erfahrung, dass es für viele einfacher ist, bei unserer telefonischen Anlaufstelle anzurufen, als direkt die Nachbarin um Unterstützung zu bitten. Ältere Menschen, die nicht mehr so aus dem Haus gehen – zum Beispiel wegen einer Mobilitätsbehinderung –, erreichen wir durch unsere wichtigsten Projektpartner: die Spitex und die drei Kirchgemeinden im Stadtteil. Sie haben den engsten Kontakt vor Ort im Quartier. Die Spitex, die zu den Leuten heimgeht, kann diese auf das Nachbarschaftsprojekt aufmerksam machen. Ich bin überzeugt, dass im Stadtteil inzwischen viele ältere Menschen davon wissen und sich melden werden, wenn sie später einmal Unterstützung brauchen.

Welche alterspolitischen Ziele verfolgt die Stadt Bern mit dem Projekt?
Oberstes Ziel ist, dass die älteren Leute so lange wie möglich und sinnvoll daheim wohnen können. Es entspricht dem Wunsch der meisten, alt zu werden im Quartier, das man kennt und in dem man sich wohlfühlt. Gelebte Nachbarschaft kann dazu beitragen, diesem Wunsch gerecht zu werden. Ein weiteres Ziel ist es, die verschiedenen Akteure in der Altersarbeit besser zu vernetzen und ihre Dienstleistungen vermehrt zu koordinieren.

Sollen auch Heimeintritte verhindert werden, jedenfalls in den tiefen Pflegestufen?
In Bern sind die finanziellen Anreize der öffentlichen Hand bereits so gesetzt, dass sich kaum Menschen mit tiefen Pflegeeinstufungen in einer stationären Einrichtung befinden. Nachbarschaft soll Teil eines Netzes von Pflege-, Betreuungs- und Hilfsangeboten sein – ambulant und stationär, ehrenamtlich und professionell –, mit denen ältere Menschen zuhause unterstützt werden können. Zwar gibt es immer mehr private Anbieter für die Betreuung zuhause, doch lange nicht alle können sich das leisten.

Ist es wirklich Aufgabe des Staates, Nachbarschaft zu organisieren? Sollte das nicht aus der Gesellschaft selbst kommen?
Die Frage ist berechtigt. Darum ist es ja so toll, dass wir das Pilotprojekt durchführen und Erfahrungen sammeln können. Unsere Projektleiterin ist regelmässig im Stadtteil präsent und hat sich mit den Quartiervereinen vernetzt. Die Eisenbahner-Wohnbaugenossenschaft stellt uns Räumlichkeiten zur Verfügung. Spitex und Kirchgemeinden im Stadtteil sind operativ am Projekt beteiligt, indem sie im Turnus den Telefondienst der Anlaufstelle übernehmen. Freiwillige denken im Projektteam mit und unterstützen die Projektleiterin bei Standaktionen an Quartierfesten. Der Seniorenrat der Stadt steht hinter unserem Projekt. Die Zivilgesellschaft ist also vertreten. Und die Idee zieht Kreise.

Inwiefern?
Wir sind erfreut und überrascht, dass sich schon mehrere Akteure aus anderen Stadtteilen gemeldet haben und selber Nachbarschaftsprojekte aufziehen möchten: Quartierleiste, weitere Kirchgemeinden, Eltern- und Frauenvereine. Die Stadt gibt den Anstoss, die Zivilgesellschaft übernimmt. Zukünftig könnte ich mir dezentrale Trägerschaften vorstellen, die von der Stadt mit einem finanziellen Beitrag unterstützt werden.

Wie verhindern Sie, dass die Stadt bestehende Unterstützungsangebote für Ältere – ob ehrenamtliche oder beruflich-professionelle – konkurrenziert?
Zum Beispiel, indem wir die Einsätze zeitlich und örtlich begrenzen. Reicht die von uns vermittelte nachbarschaftliche Unterstützung nicht aus, weisen wir die älteren Menschen auf bestehende Angebote, Besuchs- und Entlastungsdienste hin. Wir wollen keine Doppelspurigkeiten schaffen, sondern suchen die Zusammenarbeit mit den Anbietern. Denn eine koordinierte ambulante Versorgung nützt den Betroffenen weitaus am meisten.

Was sind die Effekte von «Nachbarschaft Bern»?
Die älteren Menschen erhalten Unterstützung und soziale Kontakte. Das fördert die Lebensqualität und die Gesundheit. Und wir erproben neue Lösungen für die Herausforderungen in der alternden Gesellschaft. Diese lassen sich nicht an die professionelle Pflege und Betreuung, Staat und Krankenkassen delegieren. Aus Kostengründen, und weil ein Fachkräftemangel herrscht. Auch kann heute nicht mehr erwartet werden, dass jederzeit pflegende Angehörige – meistens Frauen – verfügbar sind. Es braucht weitere Teile der Gesellschaft: Nachbarn, Freunde, Wahlverwandtschaften. Mich überzeugt das Konzept der sorgenden Gemeinschaften. Dass unser Projekt so breit und positiv aufgenommen wurde, zeigt, dass wir damit einen Nerv getroffen haben.

Das Pilotprojekt in Bern dauert bis 2018. Wie soll es danach weitergehen?
Ich bin zuversichtlich, dass «Nachbarschaft Bern» in eine Regelstruktur überführt werden kann. Gemeinsam mit unseren Projektpartnern diskutieren wir jetzt mögliche Modelle. Die Idee ist politisch abgestützt, hat doch die Berner Stadtregierung die Förderung der Nachbarschaft in die Legislaturziele bis 2020 aufgenommen. Die Kosten werden sich in Grenzen halten, besonders im Vergleich zum Nutzen, der erzielt werden kann.

Texte: Susanne Wenger

«Es ist ganz normal, im Alter auf Hilfe angewiesen zu sein», sagt Nicole Stutzmann, Leiterin Kompetenzzentrum Alter in der Berner Stadtverwaltung.