Porträt der Schwyzer Fachstellenleiterin Christine Rhein

«Wir erarbeiten den Fortschritt gemeinsam»

Christine Rhein leitet seit dem Frühling 2017 die neue Fachstelle Verein Socius Kanton Schwyz. Die Gesundheits- und Präventionsfachfrau weiss aus eigener Anschauung, warum es bei der Versorgung älterer Menschen mehr Information und Koordination braucht.

Bevor Christine Rhein im März 2017 die Leitung der Fachstelle Verein Socius Kanton Schwyz übernahm, betreute sie bei der Pro Senectute Region Bern das Programm «Zwäg ins Alter». Dabei kam sie mit einem älteren Herrn in Kontakt, dessen Beispiel ihr besonders in Erinnerung geblieben ist. Als sie seine Wohnung betrat, sah sie die Motten fliegen: «Der Teppich lebte richtiggehend.» Der Mieter wohnte zuoberst in einem Haus ohne Lift, das Treppensteigen fiel ihm zunehmend schwer. Deshalb war der Mann ziemlich isoliert. Er sah und hörte nicht mehr gut, kämpfte mit einer Depression. Zwar bezog er Essen vom Mahlzeitendienst, und die Spitex kam zum Richten der Medikamente vorbei. Doch Angehörige, die sich um ihn hätten kümmern können, waren nicht verfügbar.

Christine Rhein machte eine Bedarfsabklärung und sprach sich mit mehreren Leistungserbringern ab, von der Sozialberatung über die Spitex und den Arzt bis zur Liegenschaftsverwaltung. Mit vereinten Kräften gelang es, die Situation des Mannes so zu stabilisieren, dass er weiterhin selbständig leben konnte: «Er zog in eine günstige kleine Wohnung um und blühte auf.» Wie bei diesem Herrn in Bern sei heutzutage die Situation vieler älterer Menschen in der Schweiz komplex, sagt die Fachstellenleiterin. Das habe mit der verlängerten Lebenserwartung zu tun. Neben den oft chronischen gesundheitlichen Problemen und altersbedingten Einschränkungen müssten die Wohnsituation sowie soziale, finanzielle und versicherungsrechtliche Fragen angeschaut werden. Am besten helfe da jeweils eine Beratung aus einem Guss, stellt Rhein fest.

Anlaufstellen aufbauen

Doch als Fachfrau macht sie immer wieder die gleiche Erfahrung: Ältere Menschen und ihre Angehörigen wissen gar nicht, was es alles an Unterstützung gibt und wohin sie sich wenden können. Deshalb brauche es unabhängige Informations- und Koordinationsstellen und mehr Zusammenarbeit der Akteure in der Altersarbeit, ist Rhein überzeugt. Jetzt ist es ihre Aufgabe, im ganzen Kanton Schwyz solche Fachstellen aufbauen zu helfen und die Vernetzung der Anbieter zu fördern. Die Fachstelle befindet sich mitten im Hauptort Schwyz, vor dem Fenster grüssen die imposanten Berge. Die Stelle besteht aus einem einfachen kleinen Büro, eingemietet bei der Gemeinde, und wird getragen vom Verein Socius. 2016 gegründet, gehören ihm inzwischen über dreissig Mitglieder an: Gemeinden, Spitäler, Alters- und Pflegeheime, Spitexorganisationen, Organisationen wie die Krebsliga, Pro Senecute, das Rote Kreuz und ein Verein für Sterbebegleitung. Ebenfalls vertreten ist der Kanton Schwyz.

In den ersten Monaten richtete Christine Rhein die Infrastruktur ein und streckte die Fühler zu zahlreichen Akteuren innerhalb und ausserhalb des Kantons Schwyz aus. Sie verschaffte sich einen Überblick über bestehende Angebote für Ältere und den Stand der Vernetzung in Schwyz, fragte nach Erwartungen und Bedürfnissen, erkundigte sich nach Erfahrungen in anderen Kantonen. Im Gegensatz etwa zu Zürich ist es den Schwyzer Gemeinden nicht gesetzlich vorgeschrieben, Anlaufstellen für Ältere zu schaffen. Dennoch gebe es schon entsprechende Initiativen, freut sich Rhein. So die Drehscheibe Pflege Höfe der Gemeinden Feusisberg, Freienbach und Wollerau. Diese bietet nicht nur Information an, sondern betreibt auch ein Fallmanagement. Sie sorgt dafür, dass Schnittstellen in Pflege und Betreuung – beispielsweise bei Spitalaustritten – möglichst reibungslos zusammenspielen.

Rücksicht auf Regionen

Ziel des Vereins Socius ist, dass mehr regionale oder kommunale Drehscheiben im ganzen Kanton Schwyz entstehen. Wie weit deren Aufgaben gehen werden, ist noch offen und wird Teil der entstehenden Diskussion sein. Christine Rhein verweist auf das Beispiel des Kantons Aargau, wo Leistungserbringer in sogenannten Gesundheitsregionen eine Trägerschaft bilden und sich zu überbetrieblicher Zusammenarbeit verpflichten. «Auch für uns ist es ein wichtiges Prinzip, dass regionale Besonderheiten berücksichtigt werden», unterstreicht sie. Der Kanton Schwyz ist sehr heterogen, umfasst neben den gut situierten Ausserschwyzer Gemeinden am oberen Zürichsee auch den inneren Kantonsteil mit Orten wie Muotathal.

Neuerungen brauchen Zeit – Christine Rhein und der Verein Socius gehen mit dem nötigen Fingerspitzengefühl für politische und andere Sensibilitäten vor. Socius ist keine staatliche Struktur, die von oben her alles umkrempeln will, sondern breit abgestützt an der Basis: «Wir erarbeiten den Fortschritt gemeinsam, unter Mitwirkung möglichst vieler Akteure in der Altersversorgung», sagt die Leiterin. Sie will den Beteiligten aufzeigen, dass die Fachstelle auf kantonaler Ebene sie konzeptionell und praktisch unterstützen kann. So sollen etwa ein Werkzeugkoffer für den Aufbau einer Koordinationsstelle erarbeitet und ein Online-Wegweiser mit allen Gesundheits- und Sozialangeboten im Kanton bereitgestellt werden. Auch ein Newsletter ist geplant, der interessierte Akteure über neue Entwicklungen und Resultate rund um eine integrierte Altersversorgung auf dem Laufenden hält.

Fachfrau mit viel Erfahrung

Von einer stärker koordinierten Versorgung in allen Phasen des Alters profitierten nicht nur die älteren Menschen und ihre Angehörigen, sagt die Fachstellenleiterin, sondern auch die Gemeinden: «Wenn es gelingt, Heimeintritte zu verhindern oder hinauszuzögern, kann der Anstieg bei den Pflegekosten gebremst werden.» In den Kanton Schwyz zog Christine Rhein 2016, sie ist gebürtige Luzernerin. Mit ihrer Familie lebt sie jetzt in Sattel, einer Gemeinde im Hauptortbezirk Schwyz, am Übergang zwischen den Kantonsteilen. «Es gefällt uns sehr gut hier», schwärmt die sportliche Frohnatur. Sie entdeckt die landschaftlichen Reize und ist oft draussen unterwegs. Obwohl erst 39-jährig, bringt Rhein schon breite berufliche Erfahrung im Gesundheitswesen mit. Ursprünglich Pflegefachfrau, hat sie einen Masterabschluss in Gesundheitsförderung und Prävention in der Tasche, war in Spitälern und Alterszentren tätig. Ein Jahr lang arbeitete sie im afrikanischen Kamerun in einem Gesundheitszentrum. Dort bekam sie die Folgen einer unterdotierten Versorgung hautnah mit.

«Wir in der Schweiz können uns glücklich schätzen, in einem Land mit einem so gut ausgebauten Gesundheitswesen zu leben», gibt sie zu bedenken. Hier gebe es, gerade auch für Ältere, eine Vielzahl von Angeboten. Nun gehe es angesichts des demografischen Wandels darum, diese besser aufeinander abzustimmen. Im Januar 2018 lädt der Verein Socius zum ersten grossen Austauschtreffen ein, dem Schwyzer Gesundheitsforum. Socius Schwyz ist als Pilotprojekt unterwegs und wird von der Hochschule Luzern wissenschaftlich begleitet. 2019, so der Plan, soll die neue Fachstelle samt regionalen Anlaufstellen definitiv in Betrieb gehen. Finanzierung und Rechtsform müssen noch ausgeknobelt werden. Kein Zweifel: Auf Christine Rhein – in einem 50-Prozent-Pensum tätig – wartet viel Arbeit.

www.socius-schwyz.ch

Zur Projektübersicht

Text: Susanne Wenger

«Die Situation der älteren Menschen wird immer komplexer», stellt Christine Rhein fest.

Fachstelle am Fuss der Mythen: die Leiterin auf dem Dorfplatz in Schwyz.

Regionale Anlaufstellen sollen künftig Wegweiser für ältere Leute und ihre Angehörigen sein.