Sensebezirk (FR): 17 Gemeinden verknüpfen ihre Altersangebote

Im Sensebezirk hat Vernetzung Tradition

Ob bei der Eröffnung einer neuen Demenzstation oder bei der Erarbeitung einer regionalen Altersstrategie: im Freiburger Sensebezirk spannen die Gemeinden alterspolitisch zusammen. Warum gelingt hier, was andernorts auf mehr Hürden stösst?

Auf dem Areal des Pflegeheims Maggenberg in Tafers steht ein Festzelt, die örtliche Musikgesellschaft spielt auf, der Apéro riche ist angerichtet. Wer im Sensebezirk Rang und Namen hat, ist an diesem Freitagabend im November anwesend. Lokalpolitikerinnen und -politiker aus den 17 «Seisler» Gemeinden, Kantonsbehörden, die Spitaldirektion, Heimleitungen und -personal vom Pflegekader bis zum Reinigungsteam, Ärzte, Vertreterinnen und Vertreter der Spitex und anderer Leistungserbringer: rund 140 Personen haben sich eingefunden, um der offiziellen Einweihung der neuen Demenzstation Haus Magnolia beizuwohnen. «Es soll ein Ort der Ruhe, der Würde und des Wohlbefindens werden, wo man die Menschen mit Demenz versteht», sagt Peter Portmann. Er ist Präsident des Gemeindeverbandes Gesundheitsnetz Sense, der die neue Einrichtung mit ihren 24 Pflegeplätzen trägt.

Immer mehr Bewohnerinnen und Bewohner der acht Pflegeheime im Bezirk sind von Demenz betroffen. Nun soll Demenzkranken an einem zentralen Ort eine geschützte Umgebung mit professionellem Personal angeboten werden. Über eine Rampe gelangen die betreuten Menschen in einen 1600 Quadratmeter grossen Demenzgarten. Dort können sie auf sicheren Rundwegen ihren Bewegungsdrang ausleben und angenehme Sinneseindrücke sammeln. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Einweihungsfeier probieren den Garten gleich persönlich aus, während es langsam eindunkelt in Tafers.

Millionen-Projekt gemeinsam finanziert

Auf das Erreichte ist man stolz. «Es ist eine Demenzstation für den ganzen Sensebezirk», sagt Peter Portmann. Er ist Gemeinderat in Bösingen, hat dort – als CVP-Vertreter – die Finanzen unter sich. Die Eröffnung der Demenzstation steht am Ende einer mehrjährigen Planungs- und Bauphase unter Federführung des Gesundheitsnetzes Sense, in dem alle Gemeinden des Bezirks zusammengeschlossen sind. Den Baukredit von 14,5 Millionen Franken finanzierten die Gemeinden gemeinsam. Er umfasste neben dem Demenzneubau auch den Umbau des in die Jahre gekommenen Pflegeheims Maggenberg. In einem bezirksweiten Urnengang hatte sich 2014 die Sensler Bevölkerung mit deutlicher Mehrheit hinter das Vorhaben gestellt.

Die Investition geht zurück auf eine Strategie, die sich das Gesundheitsnetz vor sechs Jahren gegeben hat. Damals begannen die Sensler Gemeinden, ihre Pflegeplatz-Planung zu koordinieren. Zuvor waren auch schon die Spitexorganisationen zusammengewachsen. Im Auftrag des Gesundheitsnetzes ist die Spitex heute für den ganzen Bezirk mit seinen über 43'000 Einwohnerinnen und Einwohnern zuständig. Sie hat ihre Geschäftsstelle ebenfalls in Tafers, im Schloss Maggenberg in der Nähe von Pflegeheim, Demenzstation und Spital.

Regionale Anlaufstelle für Ältere geplant

Die Sensler Gemeinden gehen nun noch einen Schritt weiter. Ein Projektteam hat ein neues Alterskonzept für die Region erarbeitet. Das Leitbild, das die Entwicklung bis 2030 absteckt, will die Angebote für ältere Menschen im Bezirk besser aufeinander abstimmen. Ab 2021 wird aufgrund der älter werdenden Bevölkerung ein zusätzlicher Bedarf an Pflegeleistungen im Bezirk erwartet. Um den Kostenanstieg im Griff zu behalten und den Bedürfnissen der Älteren entgegenzukommen, soll das selbständige Wohnen gefördert werden. Eine Anlaufstelle ist vorgesehen, die der Bevölkerung für Information und Beratung zu den Unterstützungsangeboten zur Verfügung steht. Die Anlaufstelle soll beim Gesundheitsnetz Sense angegliedert werden und wird rund 140'000 Franken pro Jahr kosten. Es ist schweizweit wohl einzigartig, dass 17 Gemeinden ihre Alterspolitik auf diese Weise koordinieren.

Das Sensler Altersleitbild lehnt sich an das Konzept «Senior plus» an, mit dem der Kanton Freiburg seine Alterspolitik derzeit neu aufstellt. So sind ab 2018 sozialmedizinische Koordinationsnetzwerke in den Bezirken sowie Anlaufstellen für die Bevölkerung gesetzlich vorgeschrieben. Pionierkanton ist Freiburg bei der Unterstützung der pflegenden Angehörigen. Diese erhalten schon seit Jahren eine pauschale Entschädigung und steuerliche Erleichterungen. Dass der Kanton künftig Vernetzung fordert, verstärkt auch im Sensebezirk die Kooperation, doch muss dieser nicht bei Null anfangen. Der Freiburger Staatsrat und frühere Nationalrat Jean-François Steiert (SP) attestiert den «Seislern» Mut und Weitsicht: «Dass sich so viele Gemeinden aus eigener Initiative zusammentun und gemeinsam in eine Demenzstation investieren, ist vorbildlich und verdient Anerkennung.»

Strukturen für demografischen Wandel

Die Region sei für eine wirksame und zeitgemässe Altersarbeit eine wichtige Ebene, konstatierte auch schon der Altersforscher François Höpflinger. Doch in den politischen Strukturen der Schweiz spiele sie keine grosse Rolle, verfassungsrechtlich seien vor allem Kanton und Gemeinde vorgesehen. Warum gelingt im Sensebezirk, was andernorts auf Widerstand stösst? Einer der Erfolgsfaktoren wird am Apéro offensichtlich: Hier kennen sich alle persönlich. Die Lage zwischen Romandie und Bern fördere eine gemeinsame Identität, sagt Oberamtmann Manfred Raemy (parteilos): «Wir sind der einzige rein deutschsprachige Bezirk im Kanton Freiburg.» Die «Seisler» wüssten: um grosse Infrastrukturprojekte zu erreichen, müsse man zusammenstehen. Raemy verweist auf andere Vorhaben, die so realisiert wurden: eine Sesselbahn im Tourismusgebiet Schwarzsee, Schulhausneubauten.

Wie durch die Butter der traditionellen «Brätzele», einer Spezialität des Bezirks, geht es aber selbst an der Sense nicht. Auf die Gemeindeautonomie gilt es Rücksicht zu nehmen, auch wenn kürzlich drei Gemeinden im Sensler Oberland fusionierten. Das geplante Alterskonzept lässt den Gemeinden nach wie vor Spielraum. Leistungserbringer sorgen sich ausserdem um Marktanteile. Bei der Demenzstation habe es «zahlreiche Gespräche und runde Tische» gebraucht, sagt Gesundheitsnetz-Präsident Peter Portmann. Nicht zuletzt sorgt ein fein austarierter Finanzierungsschlüssel dafür, dass sich keine Gemeinde benachteiligt fühlt. Der Kostenschlüssel unterscheidet zwischen Investitions- und Betriebskosten und nimmt Rücksicht auf Grösse und Finanzkraft der Gemeinden. Der demografische Wandel sei eine riesige Herausforderung, konstatiert Portmann: «Keine Gemeinde kann das allein stemmen.» Im Durchschnitt zählen die Freiburger Gemeinden 2000 Einwohner. Der 68-jährige Präsident des Gesundheitsnetzes findet es sinnvoll, Alterspolitik über die Gemeindegrenzen hinaus zu betreiben. Die Entwicklungen und Problemstellungen rund um den demografischen Wandel seien überall ähnlich. Der nächste Meilenstein im Sensebezirk folgt im Mai 2018: dann entscheiden die Gemeinde-Delegierten über die neue Altersstrategie.


Text: Susanne Wenger
Bilder: Ursula Meisser

«Für den ganzen Bezirk»: Besichtigung der neuen Demenzstation und des weitläufigen Demenzgartens.

Applaus für die «Seisler»: Peter Portmann, Präsident des Gesundheitsnetzes Sense, freut sich über das gemeinsam Erreichte.

«Vorbildlich»: Auch der Freiburger Staatsrat Jean-François Steiert (rechts) und der Oberamtmann des Sensebezirks, Manfred Raemy, sind bei der feierlichen Einweihung der Demenzstation dabei.


Ein grosses Infrastrukturprojekt für die alternde Gesellschaft mit vereinten Kräften realisiert – das will gefeiert sein.