Zurück

Erfa-Veranstaltung Juni 2018

Mutig in die Zukunft
Zu einer guten Altersversorgung gehört nicht nur Pflege, sondern auch Alltagsunterstützung. Die am Programm Socius beteiligten Gemeinden und Regionen arbeiten in unterschiedlicher Weise daran, Unterstützungsnetzwerke aufzubauen. Das zeigte sich am jährlichen Austauschtreffen 2018.

Als das Programm Socius der Age-Stiftung 2014 startete, war der Gedanke ungewohnt: Die Mehrheit der älteren bis hochaltrigen Menschen benötigt nicht in erster Linie Pflege, sondern Handreichungen und soziale Unterstützung im Alltag. Eine gute ambulante und stationäre Pflege ist fraglos wichtig für jene, die sie brauchen. Doch generell lassen im Alter vor allem die Kräfte nach, werden Besorgungen mühselig, hört und sieht man nicht mehr so gut. An Hilfsangeboten mangelt es nicht – ganz im Gegenteil. Immer mehr Dienstleister und Serviceanbieter drängen auf den boomenden Altersmarkt. Für ältere Menschen und ihre Angehörigen ist es schwierig, sich zurechtzufinden. Zudem fehlt meist ein planvolles Zusammenwirken der öffentlichen, privaten und gemeinnützigen Akteure.

Die zehn Socius-Projekte von Biel bis Frauenfeld arbeiten engagiert daran, dies zu ändern. Bereits seit vier Jahren wird nun schon an unterschiedlichen Netzwerken zur Unterstützung der älteren Bevölkerung geknüpft. Beteiligt sind Behörden, Verwaltung, Institutionen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, Organisationen aus dem Altersbereich, Seniorenvertretungen, Quartiervereine, Kirchgemeinden. «Sie leisten Pionierarbeit, indem Sie sich mit der Koordination von Angeboten und dem Unterstützen der individuellen Ressourcen beschäftigen – weil es sinnvoll ist, und nicht weil es gesetzlich vorgeschrieben ist», lobte Antonia Jann die Programmteilnehmenden. Diese kamen Mitte Juni 2018 zu ihrem letzten Austauschtreffen vor Abschluss des Programms zusammen. 

Möglichst lange zuhause wohnen

So haben inzwischen an mehreren Orten Anlauf- und Informationsstellen für Ältere den Betrieb aufgenommen. Freiwillige Nachbarschaftshilfen sind am Werk, pflegende Angehörige erhalten Schulung und Support. Seniorinnen und Senioren nutzen rege ein Quartierzentrum und bringen ihre Ideen ein. Quartiere sind altersfreundlicher gestaltet, Siedlungs- und Wohnassistenzen stehen älteren Menschen zur Seite. Gemeinden legen ihre Alterspolitik zusammen, Institutionen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen gründen eigens eine Fachstelle, um ihre Angebote künftig stärker aufeinander abzustimmen. 

Ziel aller Netzwerke ist es, älteren Menschen möglichst lange ein selbständiges Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen. Das entspricht einem weit verbreiteten Wunsch der Älteren und ist vielenorts alterspolitisches Credo Nummer eins. Doch bisher hätten Bund, Kantone und Gemeinden vor allem auf die medizinisch-pflegerische Versorgung fokussiert, sagte Antonia Jann. Oft hört sie den Satz: «Wir haben ja die Spitex – wo liegt das Problem?» Die Socius-Projekte zeigten nun, dass zu einer integrierten Versorgung neben Spital, Arzt, Spitex und Pflegeheim auch vorgelagerte Bereiche wie Wohnberatung, Quartiergestaltung, Information, Begleitung, Unterstützung gehörten. Und dass ein Teil dieser Dienstleistungen von Freiwilligen erbracht werden könne, darunter einsatzwillige Rentnerinnen und Rentner.

Älterwerden dauert immer länger

«Alt wird fälschlicherweise gleichgesetzt mit krank», konstatierte auch der Basler Sozialwissenschaftler Carlo Knöpfel als Gastreferent. Doch lebt beispielsweise von den 85- bis 89-jährigen Frauen in der Schweiz nur ein Fünftel im Pflegeheim. Und von den über 85-Jährigen Frauen und Männern, die zuhause wohnen, benötigen fast siebzig Prozent überhaupt keine Pflege, wie der Altersforscher François Höpflinger erhoben hat. Wohl aber sind drei Viertel von ihnen auf Alltagshilfe angewiesen. Es gelte von der Medizinalisierung des Alters wegzukommen und den Blickwinkel zu erweitern, forderte Knöpfel, Autor der Studie «Gute Betreuung im Alter», die im Auftrag der Paul-Schiller-Stiftung entstand.

Nach der Pflege solle nun die gute und bezahlbare Betreuung ins Zentrum der alterspolitischen Debatte rücken. Knöpfel sieht die Sorgearbeit im Alter als ganzheitlichen Prozess, der sich am Verlauf zunehmender Fragilisierung beim älter werdenden Menschen orientiere. Man müsse sich auf ein zeitlich ausgedehntes Geschehen einstellen: «Der Übergang vom fitten dritten ins gebrechliche vierte Lebensalter geschieht langsam und wird mit der steigenden Lebenserwartung nicht kürzer.» Betreuung erfordert laut Knöpfel Strukturen, Fachverständnis, Ressourcen und ein professionelles Management.

Mehr Selbständigkeit, mehr Wohlbefinden

Dass die Altersversorgung in der Schweiz zu eng gefasst ist, scheint nun doch allmählich Eingang in den öffentlichen Diskurs zu finden, wie am Austauschtreffen registriert wurde. Dafür gibt es gute Gründe. Zum einen liefert die Forschung neue Befunde über die Vielfalt des Alterserlebens. Studien belegen, wie positiv sich eine «Mixed Economy of Care» – die Mischung aus professioneller Hilfe und freiwilliger Unterstützung aus dem sozialen Umfeld – auf die Selbständigkeit und das Wohlbefinden älterer Menschen auswirkt. Zum anderen schreitet der demografische und gesellschaftliche Wandel voran und verlangt nach Lösungen. Frauen sind nicht mehr einfach verfügbar, um die Betreuung betagter Angehöriger zu übernehmen. Gelingt es, die stark wachsende Zahl älterer Menschen durch abgestimmte Hilfestellungen vor verschiedenen Seiten im selbständigen Wohnen zu unterstützen, kann womöglich der Anstieg der Pflegekosten gebremst werden.

Erste Grundsteine sind gelegt, die Erkenntnisse aus dem Programm Socius werden gesammelt und in Form von Themenblättern und Checklisten an Interessierte weitergegeben. Doch der Weg ist noch lang, wie an der Tagung zum Ausdruck kam. Denn die Betreuung ist politisch kaum geregelt. Gehört das Recht auf Betreuung ins Gesetz, damit nicht nur wohlhabende Ältere davon profitieren können? Sollen pflegende Angehörige entschädigt werden? Solche Fragen müssten diskutiert werden, befand Sozialwissenschaftler Knöpfel. Sonst drohe eine Zweiklassen-Gesellschaft im Alter. Mit kämpferischen Worten rief die Zürcher Alt-Stadträtin Monika Stocker zum Handeln auf. Brav zu sein, genüge in der Alterspolitik nicht mehr, betonte die Referentin als Vertreterin der «Grossmütterrevolution». Stocker stört sich an der Dominanz der ökonomischen Sicht. Alte Menschen seien kein Kostenfaktor, Sorge-Arbeit sei auch produktiv, betonte die frühere Politikerin. Sie verriet den Anwesenden ein paar erprobte Handlungsstrategien. Wer etwas erreichen wolle, ohne die Macht zu haben, müsse listig sein. «Fürsorge ist nichts Unanständiges», schloss Stocker, die Fürsorgepflicht des Staates stehe in der Verfassung.

 

Links zu den jährlichen Erfa-Veranstaltungen:
Juni 2017: Auch Nachbarschaft ist «ambulant»
Juni 2016:Von Perlenketten und Trockenwiesen
Juni 2015: Altersarbeit ohne Gärtchendenken

Zurück