Quartierspaziergang mit Wirkung – Stadt Schaffhausen

Quartiere durch die Brille der Älteren betrachtet

Auf Spaziergängen mit älteren Einwohnerinnen und Einwohnern erkundet die Stadt Schaffhausen, wie sie ihre Quartiere altersfreundlich gestalten kann. Das stösst bei der älteren Bevölkerung auf grosse Resonanz. Bereits wurden etliche Anliegen umgesetzt.

Am Schluss werden im Saal der Zwingli-Kirche Kaffee und Kuchen aufgetischt. Doch das ist auch schon das einzige traditionelle Element an diesem nachmittäglichen Seniorenanlass im Schaffhauser Quartier Hochstrasse-Geissberg. Was davor geschieht, ist so innovativ, dass sich auch andere Städte und Gemeinden für das Konzept interessieren. Über hundert ältere Quartierbewohnerinnen und -bewohner spazieren bei milder Herbstsonne durch ihr Viertel und zeigen Stadtbehörden und Altersorganisationen vor Ort, was ihnen das Leben schwer oder leicht macht. Stadtrat Simon Stocker, Mitglied der Schaffhauser Stadtregierung, nimmt persönlich am Spaziergang teil. «Sie sind die Expertinnen und Experten», hat der Schaffhauser Sozialreferent den älteren Einwohnerinnen und Einwohnern versichert, bevor diese in zwölf Gruppen loszogen.
Der 88-jährige Josef Judas ist gemeinsam mit acht anderen in einer Gruppe eingeteilt. «Ich war überrascht, als die Einladung der Stadt kam», sagt der vife Rentner. Nun nutzt er die Gelegenheit, seine klaren Vorstellungen bei der Obrigkeit zu deponieren. Die gut gelaunte Gruppe startet den Rundgang mit einer kurzen Busfahrt. Für den öffentlichen Verkehr in der Munot-Stadt gibt es von den Älteren viel Lob. Weil im Quartier wenig Einkaufsmöglichkeiten vorhanden seien, komme den Busverbindungen in die Innenstadt Bedeutung zu. Besonders geschätzt werden Busfahrer, die das Fahrzeug absenken, damit Gebrechliche besser einsteigen können. «Auf dieser Linie fährt alle zehn Minuten ein Bus – tipptopp», ruft Judas den beiden offiziellen Begleiterinnen der Gruppe zu. Es sind die Schaffhauser Altersbeauftragte und eine Vertreterin des Quartiervereins. Erstere stellt den Teilnehmenden strukturierte Fragen, letztere nimmt die Aussagen auf Band auf.

Rutschige Rampe, fehlende Bänke

Wenig später, wieder zu Fuss unterwegs, gibt es Tadel zu protokollieren. Wegen einer steilen Rampe am Heuweg, die im Winter zur Rutschbahn werde. Auch das mulmige Gefühl, wenn man abends am spärlich beleuchteten Park vorbei muss, kommt zur Sprache. Und mangelnde Sitzgelegenheiten am Grünaustieg, nachdem die Stadt dort aus unerfindlichen Gründen Bänke entfernt hat. «Ausgerechnet die schönsten Bänkli im Quartier – wir verstehen es einfach nicht», sagt Josef Judas. Der frühere Schuhmacher kennt das Quartier wie seine Hosentasche. Seit 1952 wohnt er da, hat Entwicklung, Wachstum und die immer dichtere Besiedelung miterlebt. Man kenne sich nicht besonders gut in dem langgezogenen, von einer vielbefahrenen Hauptstrasse zerschnittenen Quartier, ist sich die Gruppe einig. Der Zusammenhalt sei wenig ausgeprägt. Umso nötiger wären Orte für spontane Begegnungen, wie sie die Bänkli boten.
Auch Natalina Schmollinger lebt seit sechzig Jahren im Quartier. «Dieses hat sich stark verändert», stellt die 88-Jährige fest. Sie absolviert den Spaziergang an einem Stock gehend. Die Migrationsbevölkerung habe zugenommen. In den Wohnblöcken seien die Schweizer Familien heute in der Minderheit. Ihre türkischen und tamilischen Nachbarn seien nett, hälfen, wo sie könnten, sagt die betagte Schaffhauserin, doch die sprachliche Verständigung sei schwierig. Mit zwei anderen Mitgliedern der Quartierbegehungsgruppe, dem Ehepaar Rosanna und Nicola Stellato, besteht das Sprachproblem nicht. Als gebürtige Tessinerin kann Frau Schmollinger mit den beiden Italienisch sprechen. Die Stellatos kamen vor bald fünfzig Jahren aus der mittelitalienischen Stadt Pescara in die Schweiz und leben seit zwanzig Jahren in Schaffhausen. Nach der Pensionierung sind sie geblieben. «Hier ist jetzt unsere Familie», unterstreicht Nicola Stellato, der früher als Schweisser arbeitete. Auch sei das Gesundheitswesen in der Schweiz besser als in Italien. Im Alter werde dies zum Argument. «Ich hatte schon 16 Operationen», sagt Stellato und deutet unter anderem auf seine Knie.

Keine überrissenen Anliegen

Die Migrationsbevölkerung gehört zu den Zielgruppen der Begehung in diesem kulturell durchmischten Quartier Schaffhausens. Es sei aber nicht so leicht gewesen, an sie heranzukommen, weiss Beatrice Laube, Leiterin Quartierentwicklung in der Schaffhauser Stadtverwaltung. In Zusammenarbeit mit der Fachstelle Integres führte die Stadt deshalb eine Vorrunde durch, an der neun Migrantinnen teilnahmen. Dort sei klargeworden, dass auch sie die Mitsprache begrüssen würden, die schriftliche Einladung der Stadt zum Quartierspaziergang aber von vielen Fremdsprachigen nicht verstanden worden sei. Umso mehr freut sich Laube, dass nun doch einige an der Begehung dabei sind. Je länger diese dauert, desto vertrauter werden die Teilnehmenden miteinander, kommen ins Gespräch, und bald verrät Rosanna Stellato den Umstehenden ihr Rezept für Konfitüre aus grünen Tomaten.
Sind die Gehwege in gutem Zustand? Fühlen sich die Älteren im Quartier sicher? Wie versorgen sie sich, nachdem Post, Hausarztpraxis und Blumenladen geschlossen worden sind? Die Einschätzungen der Spaziergängerinnen und Spaziergänger zu diesen und anderen Fragen werden von den Begleiterinnen systematisch abgefragt. Die Älteren antworten offen, aber realistisch, niemand bringt überrissene Anliegen vor oder reitet auf Einzelinteressen herum. Die partizipative Methode scheint kaum Begehrlichkeiten zu wecken. Ganz im Gegenteil. Als die Altersbeauftragte bei einem der Haltepunkte fragt, ob mehr hindernisfreie Toiletten im öffentlichen Raum gewünscht wären, winkt die ganze Gruppe ab. Die WCs wären für die Stadt viel zu teuer im Unterhalt, finden sie unisono.

Chefbeamte nehmen Stellung

Die Begehung ergibt zwölf Stunden Tonbandaufnahmen, die von der Verwaltung ausgewertet werden. Sechs Wochen später orientiert die Stadt an einer Nachfolgeveranstaltung über die gesammelten Anliegen samt Umsetzung. 126 ältere Quartierbewohner sind gekommen, mehr noch als an der Begehung selber. Die Herbstsonne ist der Winterkälte gewichen, doch im Saal der Zwingli-Kirche ist es warm, die Tische sind vorweihnächtlich geschmückt. Erneut ist Stadtrat Stocker präsent, diesmal begleitet von fünf Kaderleuten aus Verwaltung und Betrieben. Diese informieren detailliert über Massnahmen, die bereits getroffen oder in die Wege geleitet wurden. Der Direktor der Verkehrsbetriebe nimmt Stellung, die Stabsleiterin des Baureferats erntet Applaus, als sie die rasche Beseitigung einer Stolperfalle auf einem Quartierweg ankündigen kann. Auch auf die Kritik wegen der fehlenden Sitzgelegenheiten am Grünaustieg wird geantwortet. Die Stadt habe die Bänke entfernt, weil Vandalen gewütet hätten, erklärt der Bereichsleiter Grün Schaffhausen. Doch man wolle es nun nochmals mit den Bänken versuchen.
Als es um Parkplätze im Quartier geht, werden Nutzungskonflikte deutlich, wie sie nicht nur die ältere Bevölkerung betreffen. Hin und wieder hören die Anwesenden auch ganz leise den Amtsschimmel wiehern. Die meisten ahnten wohl nicht, dass es in Schaffhausen Bänkli erster bis dritter Kategorie gibt. Einem der Anliegen steht zudem der helvetische Föderalismus im Weg: für die von vielen Älteren sehr bedauerte Schliessung eines Pflegezentrums im Quartier ist nicht die Stadt verantwortlich – sondern der Kanton. Doch alles in allem ist der Wille der Behörden, auf die Anliegen der Älteren einzugehen, deutlich spürbar. Auch Leistungserbringer wie die Spitex und Beratungsstellen sind da, nutzen die Gelegenheit, um über vorhandene Unterstützungsangebote für Ältere zu informieren.

Versanden verboten

Bereits haben Quartierspaziergänge in vier Schaffhauser Quartieren stattgefunden, zwei weitere sind bis Ende 2017 geplant. Die Stadt mit ihren 36'0000 Einwohnerinnen und Einwohnern bilanziert eine erfreulich hohe Teilnahme, überall herrschte Grossandrang. Auch hätten bereits mehrere Verbesserungen umgesetzt werden können, meistens im Rahmen des regelmässigen Unterhalts, also budgeneutral. Um einen Spazierweg im Wald rollatortauglich zu gestalten, sprach die Stadtregierung einen Nachkredit von 91'000 Franken. Auch längerfristige Projekte wurden eingeleitet, darunter die Belebung eines Quartierplatzes. Es geht nicht nur um bauliche Massnahmen, sondern auch um die sozialen Beziehungen im Quartier. So bildete sich nach einer Begehung eine Seniorenrunde, die sich seither wöchentlich zum Bummel durchs Quartier trifft.  Zudem flossen Aussagen zur Altersfreundlichkeit in die Siedlungsrichtplanung ein.
Nachhaltigkeit sei ein zentrales Prinzip des Konzepts, betont Stadtrat Stocker: «Wir wollen die Anliegen nicht nur entgegennehmen, sondern wenn irgend möglich auch umsetzen. Keines soll versanden.» Erfolgsfaktor dafür und gleichzeitig Herausforderung ist die stadtinterne Zusammenarbeit vom Tiefbau bis zur Polizei. In Schaffhausen gelingt sie – auch, weil die Verwaltungsabteilungen in den Nachfolgeveranstaltungen der Begehung eine Kommunikationsplattform sehen.
Die Befragten selbst wissen es zu schätzen, dass sie eingebunden werden. Es sei gut, dass die Stadt die älteren Leute anhöre, sagt Quartierbewohnerin Natalina Schmollinger: «Sonst bekommen wir ja von vielen Seiten nur zu hören, wir kosteten zu viel und seien eigentlich überflüssig.» Dabei sei es die ältere Generation, die das Land zu dem gemacht habe, was es heute sei: «Wir haben auch viel gearbeitet.» Nicola Stellato würdigt das Vorgehen der Stadt ebenfalls positiv, gibt aber zu bedenken, dass man nicht alles dem Staat überlassen könne: «Wir Älteren müssen uns auch selber zu helfen wissen und uns untereinander organisieren.»















Expertinnen und Experten in eigener Sache unterwegs: Impressionen von der Quartierbegehung im Schaffhauser Quartier Hochstrasse-Geissberg im Herbst 2016.

 

«Ich mag den Ausdruck ‹Überalterung› nicht»

Stadtrat Simon Stocker, seit 2013 zuständig für Soziales und Sicherheit, ist die treibende Kraft bei den Schaffhauser Quartierbegehungen. Die Stadt wolle das Wissen der Älteren nutzbar machen, sagt der junge Magistrat von der Alternativen Liste.

Simon Stocker, wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Quartiere mit der älteren Bevölkerung zu durchstreifen?
Im Bestreben, die Quartiere altersfreundlich zu gestalten, wollen wir uns von der Stadt her nicht im Sitzungszimmer Massnahmen ausdenken, sondern die älteren Menschen vor Ort nach ihren Bedürfnissen und Argumenten fragen. Viele wohnen schon sehr lange im Quartier und verfügen über ein Insiderwissen, das wir mit den Begehungen anzapfen. Dadurch erhält nicht nur die Stadt wertvolle Inputs. Die Tipps und Tricks der Älteren für das tägliche Leben können gesammelt und weitergegeben werden – das ist Hilfe zur Selbsthilfe.

Welche Rückmeldungen haben Sie überrascht?
Die breite Teilnahme an den Begehungen zeigt, dass die älteren Menschen sich einbringen wollen. Ich bin froh zu hören, dass sie grundsätzlich gerne in ihrem Quartier leben. Verbesserungsmöglichkeiten gibt es aber überall. Interessant ist der kleinmassstäbliche Blick auf das Quartier. Die Menschen zeigen uns konkrete Barrieren auf ihren Alltagsrouten, die uns sonst nicht auffallen würden. Beeindruckt hat mich die Fähigkeit der älteren Menschen, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und das Beste daraus zu machen.

An den Begehungen nehmen vor allem Ältere teil, die noch gut zu Fuss sind. Wie erreichen Sie die weniger Mobilen?
Bei den Begehungen bieten wir immer auch einen Transportdienst an, die Fahrzeuge werden von den Alterszentren zur Verfügung gestellt. Es ist jedoch tatsächlich eine Herausforderung, die weniger mobilen oder auch einsamen Menschen zu erreichen. Das haben wir nun besonders im Fokus. Wir bieten Hausbesuche an und sprechen Multiplikatoren an, also Personen, die im Quartier gut vernetzt sind. Diese erreichen die Leute zum Teil besser.

Welche alterspolitischen Ziele verfolgen Sie mit den Quartierbegehungen?
In Schaffhausen sind zwanzig Prozent der Bevölkerung in der Altersgruppe 65plus. Das ist einer der höchsten Altersquotienten der Schweiz. Immer mehr Ältere möchten heute möglichst lange zuhause wohnen und treten erst so spät wie möglich in ein Alters- und Pflegeheim ein. Die Quartiere altersfreundlich zu gestalten, kommt dem ausgeprägten Bedürfnis entgegen, im eigenen Quartier alt zu werden. Indem sich die Akteure der Altersarbeit aktiv an den Begehungen beteiligen, stärken wir zudem die oft geforderte Zusammenarbeit und Koordination unter ihnen – auf lustvolle Art und Weise.

Mehr Sitzbänke und Handläufe in Ehren, doch ist das nicht Pflästerpolitik? Sind Fragen wie eine ausreichende Pflegefinanzierung oder genügend bezahlbare Wohnungen nicht drängender?
Die Altersstrategie der Stadt ist dreiteilig, vielfältiger Wohnraum und eine optimale ambulante Versorgung gehören selbstverständlich auch dazu. Mit den Begehungen möchten wir die Netzwerke im Quartier stärken und die älteren Menschen in die Altersplanung miteinbeziehen. Politiker reden immer von der Überalterung. Ich mag diesen Ausdruck nicht. Die ältere Bevölkerung ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft. Die Älteren haben grosse Erfahrung, sie setzen sich in vielen Bereichen für das Gemeinwesen ein und haben Wertschätzung verdient. Im übrigen tragen sie mit Freiwilligenarbeit und der Pflege von Angehörigen massgeblich dazu bei, dass unser Pflegesystem bezahlbar bleibt.

Sind die Schaffhauser Quartiere am Schluss so altersfreundlich, dass die Jungen sich darin nicht mehr wiedererkennen?
Mit dem Rollator begegnet man im öffentlichen Raum den gleichen Herausforderungen wie mit dem Kinderwagen. Bei baulichen Massnahmen arbeiten wir also schon generationenübergreifend. Der Stadt und mir ist völlig klar, dass ältere Menschen nicht nur unter sich bleiben möchten. In vielen Alterszentren sind Kindertagesstätten integriert. Zudem arbeiten wir an Generationenprojekten, um den Austausch von Alt und Jung zu fördern. Übrigens setzt die Stabstelle Quartierentwicklung nicht nur die Quartierbegehungen um, sondern auch das Programm kinder- und jugendfreundliche Stadt Schaffhausen sowie das Projekt Familienzentrum. Sie sehen, wir sorgen uns um alle Generationen.

Zwischen Ihnen und den älteren Menschen stimmt die Chemie sichtlich. Warum machen Sie als junger, 35-jähriger Politiker sich für die Älteren stark?
Ich absolvierte vor vielen Jahren ein Pflegepraktikum in einem Altersheim, zudem arbeitete ich bei Pro Senectute Kanton Zürich. Ich habe die Arbeit mit älteren Menschen schätzen gelernt. Ihre Fröhlichkeit und Gelassenheit, ihr Verantwortungsbewusstsein beeindrucken mich, ebenso ihre Direktheit. Sie sagen einem ins Gesicht, was sie denken. Ich erfahre deshalb auch immer etwas über mich und mein Wirken, und das macht riesig Freude.

Texte: Susanne Wenger

Der Schaffhauser Stadtrat Simon Stocker (ganz r.) lässt sich persönlich die Anliegen der älteren Quartierbevölkerung zeigen.